GESCHICHTE

Ein befestigtes Gut aus dem 16. Jahrhundert

Am Ausgang von Azoudange, fernab gelegen, befindet sich das Landgut Romécourt. Man erreicht es über eine mehrere kilometerlange, kleine Straße. Es handelt sich um ein Ensemble bestehend aus 300 Hektar Wald und Ländereien sowie einem Festungswohnsitz, der seit dem 28. Dezember 1976 als schützenswertes Denkmal eingetragen ist. Lassen sie uns nun die beinahe vier Jahrhunderte alte Historie dieses geschichtsträchtigen Gutes wiederentdecken.

Im 16. Jahrhundert stellten die Ländereien von Romécourt ein Lehen dar, das unter das Bistum Metz fiel. In 1564 überträgt der Kardinal von Lothringen das Lehensgut an Michel l’Enfant, Sekretär der Königin von Schottland Marie Stuart und Amtsträger der Salinen von Dieuze. Ab 1600 wird die Domaine von Pierre Moussin, (Conseiller Auditeur) Ratsprüfer des Rechnungshofs von Bar geleitet. Im Jahre 1608 erhält er ein Schreiben des Herzogs Heinrich II indem er in den Adelsstand erhoben wird und gleichzeitig die Lehnsherrschaft für sein Anwesen Romécourt erhält. Im Anschluss vergrößert sich das Anwesen durch Einbringen der Ländereien und des Bauernhofs Muhlberg (oder geschrieben Milbert) und des Banns von Mitterking (Métrequin), eines nahe Freiburg gelegenen Dorfes, das angeblich während des 30-jährigen Krieges völlig zerstört worden ist. Im Jahre 1680 erwirbt Joseph de Martimprey den Besitz.

Woher stammt die Familie de Martimprey?

Famille De Martimprey de Romécourt
Familie De Martimprey De Romécourt

Ein Kreuzritter durch Ludwig IX in den Adelsstand erhoben

Die Familie de Martimprey kommt aus der Franche-Comté. Ihr Gründer ist Hugues de Martimprey; Hugues nahm als Kreuzritter am 7. Kreuzzug unter Führung Ludwig IX (Saint Louis) teil und starb in der Schlacht von Pharnia in Ägypten in 1250. Fast alle seine Nachkommen – über 9 Generationen – waren Knappen im Dienste des Herzogs der Bourgogne. In einem Dokument aus dem Jahre 1525 wird zum ersten Mal von der Existenz der Familie auf dem Anwesen der Martimprey in den Vogesen gesprochen (die Teil des Ban von Corcieux war). Nach dem Tode seines Vaters in 1680 verfügt ein Ahn, dass das Anwesen der de Martimprey an seinen Jüngsten übergeht. Er selbst lässt sich in dem kurz zuvor von ihm erworbenen Romécourt nieder. So wurde die Familie de Martimprey Besitzer des Anwesens das ihr auch heute noch gehört.
Durch eine Verfügung Ihrer Exzellenz Cambout de Coislin, Bischof von Metz, vom 16. Juni 1701 erhält die Kapelle von Romécourt ihre Pfarrstelle « Wir erteilen hiermit dem Pfarrer sowie all seinen Nachfolgern die Erlaubnis, in der Kapelle von Romécourt und Milberg die Messe zu halten, den Katechismus zu lehren, die Sakramente sowie alle weiteren kirchlichen Rituale auszuüben. » Nichtsdestotrotz, erfolgte die Einführung der Pfarrstelle in Romécourt nicht ohne heftigen Widerstand seitens des Pfarrers und der Pfarrgemeinde von Azoudange. Sie verlangten, dass die neue Kirche an die ihre annektiert werden müsse. Ihren Gesuchen wurde nicht stattgegeben. Eine bischöfliche Verordnung vom 10. Juni 1722 bestätigte den Beschluss von 1701. Die Kapelle fungierte bis 1793 als Pfarrgemeinde.

Ein Vorfahre Sieger in der Schlacht von Valmy

Blason de la famille De Martimprey de Romécourt
Blason de la famille De Martimprey de Romécourt
Einer der Nachkommen des Käufers, Jean Joseph Felix de Martimprey, hatte sich für eine Militärkarriere entschieden. 1792 nahm er an der Schlacht von Valmy teil. Ein von Kellerman unterzeichnetes Schreiben würdigt ihn für seine Verdienste. Seine lange Abwesenheit, bedingt durch seine Karriere beim Militär, führte dazu, dass das Comité du Salut Public de Réchicourt ihn emigriert wähnte und seine Besitztümer konfiszierte. Dank des Schreibens von Kellerman konnte er sie zurückfordern. Aber Romécourt verlor seinen Status als Pfarrgemeinde. Die Archive befinden sich im Bistum Metz (siehe Archiv „Departementales“ Mosel). In der Folge blieb Romécourt nicht verschont von den Ereignissen, die unsere Region im 20. Jahrhundert gezeichnet haben. So befinden wir uns nun im Jahre 1909. Xavier übernimmt Romécourt zusammen mit seiner Mutter, seinem Bruder Hugues und seiner Schwester Nicole. In 1921 kommt Jeanne, Tochter von Xavier und einzige Erbin der Familie auf die Welt. Sie ist die heutige Besitzerin des Anwesens und Witwe des am 4. Juli 2012 verstorbenen und in Romécourt beerdigten Jacques Viot, Botschafter Frankreichs und Präsident der Alliance Française.

BESUCH

Brennen der Ziegel und Steine vor Ort

Eine Besichtigung dieses Ensembles im Renaissance Stil ist empfehlenswert. Der ursprüngliche Grundriss, der auch heute noch vorzufinden ist, ist der eines befestigten Gutes in der Form eines Rechtecks (90m x 47m) um einen zentralen Hof; 4 Ecktürme verteidigen die Eingänge. Die Steine und Ziegel sind vor Ort gebrannt. Man kann noch die Spuren des Ofens in den sogenannten „Tuilerien“ finden. Der Sandstein der Vogesen wird zur Festigung und Dekoration der Bauelemente verwendet.
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Wir betreten das Anwesen durch das Osttor, auch Tor Deutschland genannt. Das Tor gilt als eines der gelungensten Werke lothringischer Kunst des 16. Jahrhunderts. Der Zugang zum Innenhof erfolgt über ein abgesenktes Tor mit einer separaten Tür für die Fußgänger an der Seite. Die äußere Fassade gefertigt mit Sandstein aus den Vogesen ist reich geschmückt (Pilaster, vorspringende Naben): seltene Elemente in unserer Region.
Das Zimmer über dem Torbogen war das Zimmer des Pfarrers. Auf der linken Seite kann man gut sehen, wie das Anwesen ursprünglich aussah: Mauern mit Doppelkreuzen aus schwarzem Backsteinen, Schießscharten, Warte und Ecktürmchen. Im geschützten Innenhof befanden sich die Wohngebäude, Schuppen und Stallungen. Der südwestliche Teil hat seine ursprünglichen Ausmaße behalten; ursprünglich konnte man dort zwei Brotöfen vorfinden. Der Brunnen im Renaissance Stil (mit einer Tiefe von mehr als 15m) ist eingerahmt von zwei Halbsäulen im korinthischen Stil, die in der Mitte mit einem Band in der Form einen Löwen geschmückt sind. Man führte ein Seil in das Maul des Löwen, um die Wassereimer herunterzulassen und wieder nach oben zu holen.

1997: Ein Feuer verwüstet das Herrenhaus

Der Eingang zum Herrenhaus oder Haupthaus ist ebenfalls eingerahmt von zwei korinthischen Halbsäulen, überragt durch einen großen Türsturz, der von einer Öffnung in der Form eines Rinderauges durchbrochen ist. Die Fenster im ersten Geschoss sind eingefasst mit Zierpfosten. Der Brand im Januar 1997 hat das Haupthaus und viele Möbel, Bilder und andere Gegenstände stark beschädigt. Das West Tor, auch Tor Frankreich genannt, wird überragt von dem einzigen Fenster dieser Fassade, das noch in seiner ursprünglichen Form erhalten ist. Auf der Parkseite findet man im Teich wahrscheinlich noch die Waffen der Familie, die dort nach der Revolution vergraben wurden.
Die westliche Außenfassade, genauso wie die südliche, sind mit ihren Schießscharten noch nahezu im Urzustand. Allerdings sind im 18. Jahrhundert in diese Fassaden, die ursprünglich sehr wenige Fenster hatten, zusätzliche Fenster vor allem im Erdgeschoss eingebaut wurden. Im Süden ist der Fensterschmuck im ersten Stock im Stil Louis XIII; er unterscheidet sich demzufolge von dem der Hoffenster. Eine fächerförmige Außentreppe führt zu einem Treppenvorbau im klassischem Stil.

Die Kapelle hat ihren verteidigenden Charakter bewahrt

Die Kapelle (man kann sie auf Anfrage und in Begleitung besichtigen) befindet sich im Nord Ost-Flügel. Sie hat ihren verteidigenden Charakter bewahrt; die Schießscharten in den Mauern verdeutlichen dies. Die Fenster auf den beiden Seiten des Chors sind ursprünglich, die anderen wurden im Jahre 1867 hinzugefügt. Die bunten Bleiverglasungen auf der linken Seite zeigen Saint Luis und Hugues de Martimprey, der den König bei seinem Kreuzzug begleitet und in Anerkennung dafür in den Adelstand erhoben wird; auf der rechten Seite „Die Heilige Adelaide und Saint Charles Borromée“. Die Abzeichen unter der Decke zeigen das Wappen der de Martimprey. Der Hauptaltar im Stil Louis XIV ist in der Mitte verziert mit einem Kreuz des Ordens des Heiligen Geistes (Malteserkreuz mit Taube). Der Hostienschrein aus geschnitztem, vergoldetem Holz ist im Stil Louis XIV. Darüber ein Ölgemälde: der heilige Lukas, Schutzherr der Kapelle, malt die Heilige Jungfrau mit dem Kind, und zu ihren Füßen den Stier, ihr symbolisches Tier. Auf dem Altar, eine mehrfarbige, vergoldete Holzstatue: Die Jungfrau Maria und Joseph. Der zweite Altar aus geschnitztem und poliertem Holz ist im Renaissance Stil. Ein ihn überfliegender Adler symbolisiert Johannes den Täufer. Die Malerei stellt die Ekstase von St. Antonius aus Padua dar; die Verzierungen stammen aus der Zeit. Die Landschaftsmalerei ist eine Votivgabe für die Heilige Anne und den Heiligen Joachims (gemalt in 1532) als Zeichen der Dankbarkeit zur Geburt eines Sohnes. Die Landschaft zeigt das Schloss de Martimprey nahe Gérardmer; von dem Schloss ist nur noch die Kapelle erhalten.

Eine Eiche aus dem Besitz Victor Hugo

Ein Park im englischen Stil hat im Jahre 1860 den Gemüse und Obstgarten ersetzt, der sich bis dahin im Süden und Westen des Haupthauses befanden. Der Park besteht fast ausschließlich aus forstlichen Baumarten. Die ursprünglichen Eicheln von einer der alten Eichen stammen aus dem Besitz von Victor Hugo in Guernsey (Eicheln, die Madame Viot mitgebracht hat). Die Schluchten sind entstanden, um die zur Herstellung der Backsteine und Ziegeln notwendige Erde abzubauen. Eine der Schluchten mündet in einen kleinen, ziemlich tiefen Teich. Gegenüber der Außentreppe führt eine Allee zu einem Martyrium aus 1745, La Belle Croix (beschrieben in dem Werk Kreuz und Martyrium des Kantons Réchicourt, veröffentlicht durch die SHAL, Sociétéd’Histoire et d’Archéologie de Lorraine, Sarrebourg).

Fremdenzimmer und ein Ferienhaus für die Besucher

Alles in allem eine schöne Geschichte; die eines sorgfältig bewahrten, seit 1680 von Generation zu Generation der Familie de Martimprey weitergegebenen Schmuckstücks. Das Anwesen, in dem früher mehr als 50 Personen in Autarkie lebten, ist nicht gestorben. Die Wiederherstellung des Haupthauses nach dem Brand im Jahre 1997, die Wiederbepflanzung der Allee de la Belle Croix nach den verheerenden Schäden des Unwetters in 1999, die Restaurierung des Dachs der Kapelle, die Renovierung der Bleiverglasungen, alle diese Arbeiten (durchgeführt durch Jeanne und Francois Viot, der mit seiner Tante das Anwesen leitet) sprechen hierfür. Im Sommer 2004 wurden zwei Gastzimmer (B&B) im denkmalgeschützten Brunnenanbau eingerichtet. Im April 2020 ist ein Ferienhaus im vollständig renovierten, ehemaligen Bauernhaus eröffnet worden. Ein dynamisches Verwalterehepaar, Herr und Frau Mayeur, managen das Tagesgeschäft. Unterhalt des Anwesens, Empfang der Gäste und Frühstück im Esszimmer, dies sind nur einige der Aufgaben denen sich das Paar gewissenhaft widmet. Madame Viot, nunmehr 98 Jahre alt, verbringt noch immer den Sommer an dem Ort ihrer Kindheit, eine Kindheit, die sie uns in einem lesenswerten Buch erzählt (Eine Kindheit in Lothringen. Fast vergessene Erinnerungen 1921 – 1929, erschienen bei Paraiges). Darum lohnt es sich, einen kleineren oder größeren Abstecher nach Romécourt zu machen.

Text von Pascale Marcel veröffentlicht in der Rezension Au pays de Sarrebourg. Überschriften und Fotos wurden von der Familie hinzugefügt (April 2020).
Vielen Dank an die SHAL-Sektion von Sarrebourg.

INTERVIEW

Jeanne Viot, die Dekanin von Romécourt, erzählt von ihrer Kindheit in Romécourt und ihrer Familie, der De Martimprey.

BUSCH

Jeanne Viot erinnert sich an ihre Kindheitserinnerungen an der Domaine de Romécourt.

Le livre

REPORTAGE